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Dieser Vortrag wurde von Prof. Dr. Kohlhof anläßlich der Internationalen Konferenz zur 10. Jahrestagung der Banking Institution of Higher Education in Riga am 12.9.2002 gehalten. ETHIKMANAGEMENT UND BANKEN - WIDERSPRUCH ODER ÖKONOMISCHE RATIONALITÄT? Ethische Fragestellungen werden für Banken und Unternehmen immer mehr zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor. Gründe hierfür sind vor allem die wachsende Bankenkritik in der Öffentlichkeit, verschärfte Gesetze und Regulierungen zugunsten von Kunden und Verbraucher sowie steigende Folgekosten illegaler Handlungen von Bankmitarbeitern und eine generell höhere Bedeutung moralischer Wertüberzeugungen auf den Geld- und Kapitalmärkten. Im
nachfolgenden soll der Versuch unternommen werden, die verschiedenen
ethischen Probleme von Banken in den Beziehungen zu ihren Kunden,
in ihren gesellschaftspolitischen Herausforderungen und im innerbetrieblichen
Bereich gegenüber ihren Mitarbeitern zu erfassen und gegebenenfalls
unternehmensethische Lösungen praxisnah aufzuzeigen. Abschließend möchte ich ein Konzept für ein Ethikmanagement vorstellen mit den drei Säulen: Inhalt, Instrumente und Organisation. Hierin enthalten sind die Prinzipien für die Gestaltung von Ethikkodizes, Einflüsse ethischer Fragen auf die Bankstrategie und die integritätsorientierte Entwicklung des bereits im angloamerikanischen Raum etablierten Compliance-Ansatz. Die wesentlichen Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit Banken und ihrer ethischen Positionierung stellen, sind: 1. Wie können ethische Problemstrukturen von Banken erfasst, systematisiert und ökonomisch interpretiert werden? 2. Wie ist die "gesellschaftliche Verantwortung" der Banken und der gesamten Kreditwirtschaft zu definieren? 3. Welche realen Möglichkeiten bieten sich für eine systematische Auseinandersetzung mit unternehmens-ethischen Fragestellungen? 4. Wie sollte ein "Ethikmanagement" in den Banken konzipiert sein, das mit der ökonomischen Rationalität eines erfolgreichen Bankmanagements kompatibel erscheint? Die folgenden Thesen sollen als zentrale Aussagen für eine Ethik-Diskussion verstanden werden: 1.
Ethische Fragen
- Einengung der Verhaltensspielräume durch Gerichtsurteile, Regulierungen
und Ver- -
steigende Bedeutung von Reputation auf den Bank- und Finanzmärkten 2.
Bankenethik Ethische
Probleme werden als Interessenkonflikte interpretiert, die auf verfehlte
Anreizbedingungen und das sich daraus ergebende Gefangenendilemma
beruhen: Individualethische Handlungsansätze bieten häufig keine Hilfestellung zur Lösung ethischer Problemfälle. 3.
Die Entwicklung der kreditwirtschaftlichen Rahmenordnung Umorientierung zugunsten eines organisierten Managements für Reputation und Wohlverhalten notwendig machen. Dies gilt insbesondere für ein verstärktes soziales und kommunales Engagement, wie es in den USA mit dem CRA (Community Reinvestment Act) seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert wird. 4.
Vertragliche Beziehungen Daraus
ergibt sich die Tatsache, dass ethische Konflikte häufig auf
die Nichterfüllung von Vertragsteilen zurückzuführen
ist. Die Erfüllung derartiger ideeller Ansprüche setzt jedoch
in vielen Fällen eine ethische Grundhaltung seitens der Bank
voraus, die sie im eigenen Interesse zu realisieren hat, um aktuell
wie auch für kommende Partner und Kunden attraktiv zu sein. Diese
unterliegen naturgemäß einem ständigen Wandel, genauso
wie die Wertedebatte eigentlich immer im Fluss ist. Einige sprechen
von Wertegewinn, andere von Werteverlust. So gehen heute Bindungen
an traditionelle Religionen zurück, während Sekten großen
Zuspruch finden; Autoritäten - zuweilen auch Kapazitäten
- Hierarchien werden infrage gestellt und nicht länger akzeptiert.
Ethische Tugenden gehen verloren; Ansprüche an den Staat nehmen
zu. Der Gemeinsinn und die Bereitschaft zum mitmenschlichen Engagement
sind auf dem Rückmarsch. 5. Die unternehmensethischen Kernprobleme liegen auf drei verschiedenen Ebenen: 5.1
Bankpolitischer Bereich 5.2 Bankgeschäftlicher Bereich Im
Kundensegment der Banken herrscht für beide Vertragspartner ein
hohes Maß an Unsicherheit vor. Dies hängt häufig mit
der Langfristigkeit der Geschäftsbeziehung, der Unvollständigkeit
ihrer vertraglichen Ausgestaltung, den Informations-vorsprüngen
und den spezifischen Investitionen bzw. den hohen Wechselkosten bei
Änderung der Geschäftsbeziehung zusammen. Was war passiert? Nur
einen Tag nach einer öffentlichen Kaufempfehlung für Großkunden
durch die Analyse-Abteilung hatte die Bank 44 Mio Aktien der Deutschen
Telekom umplatziert. Sie habe mit dieser unmoralischen Taktik der
Aktienkultur in Deutschland eine weitere negative Facette hinzugefügt
und ihre Informationsvorsprünge zu Lasten der kleinen Privatanleger
ausgenutzt, die bei diesem Placement leer ausgegangen sind. Die DSW
hat um Prüfung dieser Vorgänge beim BAWe nachgesucht, um
diesen erneuten umstrittenen Verkauf von Aktien durch die Deutsche
Bank zu beleuchten. Diese Kundenbindungspotenziale führen zu einer Wechselschwelle, bei deren Überschreitung aus Kostengründen die Kundenloyalität nicht infrage gestellt wird, und bei deren Unterschreitung diese eventuell zu einem Abbau der traditionellen Kundenbeziehungen bzw. zu einem Aufbau mehrfacher Bankbeziehungen führen kann. Deshalb wird auch die ethische Pflege der Kundenbeziehung zum strategischen Erfolgs-faktor für Banken, um die Vertrauensbasis zu stärken und die eigenen ökonomischen Ratio-nalitäten den Wohlverhaltensaspekten gegenüber der - auch kleineren- Kundschaft zurückzustellen. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass allen Kundenwünschen vorbehaltlos zuzustimmen ist. Nur muss in Zukunft die Reputationswirkung auf eigenes Fehlverhalten stärker berücksichtigt und fokussiert werden. Das Wertesystem und damit auch das Verhalten von Menschen - dies gilt somit auch für Banken und ihren Führungskräften - äußert sich auf drei Ebenen. Die obersten Werte bilden die Leitideen, nach denen sich das eigene Verhalten zu richten hat und dessen "Corpsgeist" sie prägen. In der zweiten Ebene herrscht das Können vor, nämlich die Fähigkeiten zur Umsetzung in ökonomische und ethische Rationalitäten und die dritte Ebene wird bestimmt durch das tatsächliche Tun, Dulden oder Unterlassen. Ein Beispiel im Bankenvergleich: Beide Banken haben das gleiche Können und die gleichen Mittel. Die eine handelt nach ihren ethischen Vorgaben, einer kollektiven Autonomie und in Verfolg ihres Wertesystems, die andere verzichtet auf Reputationsrückkoppelung und realisiert nur den schnellen Gewinn ohne Rücksicht auf ethische Bedenken. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrem Wertesystem, das ihre Handlungen steuert und damit ihr institutionelles Überleben bestimmt. Auf Dauer wird man aber dem ethisch geführten Unternehmen sein Vertrauen schenken und zu ihm vertragliche Beziehungen unterhalten. 5.3
Personeller Bereich
Ein konzeptioneller Rahmen sollte drei verschiedene Dimensionen umfassen: 6.1
die materiell-inhaltliche Gestaltung 6.2 Die instrumentell-methodische Dimension Neben
der inhaltlichen Planung bedarf es zur Steuerung eines wirksamen Ethikmanagements
in einer Bank auch eines effizienten Controllings 6.3 Die organisatorisch-institutionelle Implementierung Unternehmensethisches
Wohlverhalten kann nur über die Mitarbeiter gelingen. Ihre institutionelle
Einbindung in ein integrales gesamthaftes Ethikmanagement ist daher
Voraussetzung für eine erfolgreiche ethische Prozess- und Projekt-Organisation.
Die kollektive Autonomie als Pendant zur individualethischen Gewissensorien-tierung
wird zum wesenhaften Bestandteil einer Vertauenskultur, die sich schwerpunktmäßig
in einer positiven Fehlerkultur, offenem Gedanken-austausch, Diskursen
und einer transparenten Unternehmenskommunikation niederschlägt.
Unternehmensethik und Unternehmenserfolg sind keine Gegensätze, sondern nur verschiedene Seiten der gleichen Medaille. Beide Seiten spiegeln den Wert eines Unternehmens wider und beanspruchen daher untrennbare Gültigkeit. Sie sind nicht wie Feuer und Wasser oder wie Profit und Panik, wie manche Zeitgenossen behaupten. Unternehmensethik äußert sich als ein Bestandteil eines Kultur- und Weltverständnisses, das sich in Ehrfurcht vor dem Leben, menschlicher Solidarität, einer gerechten Wirtschaftsordnung und Toleranz , Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit ausweist. Verantwortbares ethisches Handeln lässt keine Fragen offen, löst Konflikte und macht keine Korrekturen notwendig, das vor dem Ich und der Welt unumstößlich ist. Voraussetzung hierzu ist aber, mit Hilfe der ethischen Analyse eine Vertrauenskultur zu schaffen, die vor allem in dem so wichtigen Netzwerk der Finanzdienstleistungsunternehmen -real und virtuell- einen elementaren Platz einnimmt. Dies setzt des weiteren eine uneingeschränkte Bejahung zur Übernahme einer selbstverpflichtenden Eigenverantwortung voraus, zu der bislang aber nur die wenigsten bereit sind. Und dennoch, das große Spiel des Lebens veranlasst zum Grundoptimismus. Das Leben hat sich immer weiter entwickelt trotz aller Widrigkeiten und aller unterschiedlicher Lebensformen und stets zu einer Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen geführt. Ein sicheres Rezept kann es und wird es nicht geben, aber unser Auftrag ist es, die uns anvertraute Welt verantwortungsvoll weiter zu entwickeln und dazu wird auch die unternehmensethische Ausrichtung gerade auch der Banken einen wichtigen Beitrag leisten müssen. Professor Dr. Joachim Kohlhof |